Dr.Albrecht Dapp

Dapp

Medizin 1951: Ein Tag im Krankenhaus

Oder: Aus dem Leben des Hermann Bühler

 

Es ist der 21. März 1951. Hermann Bühler (Name frei erfunden) befindet sich seit dem 28. Februar 1951 im Kreiskrankenhaus Spaichingen in der Karlstraße.

Er war damals von seinem Hausarzt Dr. med. Lothar Nitsche wegen einer heftigen Kolik ins Krankenhaus eingewiesen worden. Dieser hatte dabei etwas von “Gallensteine gibt es ja in der Familie” gemurmelt, aber auch so heftig nach Alkohol gerochen, daß Hermann ihm nicht glaubte. Dr. Nitsche und seine Frau, die Kunstmalerin, hatten aber auch in der ganzen Stadt einen so zweifelhaften Ruf, daß Hermann gerne dem Vorschlag zustimmte, wegen seiner Schmerzen ins Krankenhaus zu gehen. Der dortige Chefarzt und Chirurg Dr. Theo Hopt war ein Schulkamerad seiner Mutter gewesen, die sich noch gut an seine forschen Sprüche in der Schule in Wehingen erinnerte. In der Zwischenzeit hatte er in München studiert und war nach vielerlei Erfahrungen als Medizinstudent, Stabsarzt und Assistenzarzt im Kreiskrankenhaus Tuttlingen in der Chirurgischen Abteilung Oberarzt gewesen und erst vor kurzem nach Spaichingen gekommen.

Hermann erinnerte sich noch gut an die Straßendemonstration im Jahr 1949, als die Bevölkerung in Spaichingen gegen die Berufung des Chirurgen aus dem KKH Tuttlingen an ihr Krankenhaus statt der beliebten Belegärzte Dr. May und Dr. Ruffing protestiert hatte. Das war eine “Mordskomödie” gewesen, zu der auch der Bürgermeister Ludwig Wahr aufgerufen hatte. Es ging dabei nicht nur um die Personen, sondern auch um die grundsätzliche Entscheidung, einen hauptberuflichen Chirurgen ins Krankenhaus zu holen. Hermann hatte sich damals aus dem Streit herausgehalten. Er hatte davon gehört, wie seine Mutter einmal sagte, es täte der Qualität im Krankenhaus bestimmt gut, wenn dort nicht mehr nur Belegärzte, sondern ein “richtiger Chirurg” Verantwortung trage.

Seine Mutter hatte sich davor einmal über Stunden mit einer Schulterverrenkung quälen und im Ambulanzzimmer warten müssen, bis endlich Dr. May im Krankenhaus erschien. Dieser hatte dann von einer Geburt in Aixheim erzählt, zu welcher er in der Nacht gerufen worden sei. Dort hätten die Leute nicht einmal elektrischen Strom gehabt. Er habe das Kind mit Kerzen und Taschenlampe entbinden müssen und am Schluß dem frischgebackenen Vater geraten, nur recht tüchtig das Fahrrad zu treten, damit er mit Hilfe des Dynamo wenigstens sehen könne, ob er eine Tochter oder einen Sohn bekommen habe.

Hermann klang es noch in den Ohren, wie seine Mutter sagte: ”Operieren hat der Dr. May im Krieg ja ausgiebig lernen können, und der Dr. Ruffing wird es ja auch gut können, aber wir brauchen in Spaichingen einen eigenen Krankenhauschirurgen. Gerade jetzt in Friedenszeiten und mit den vielen Neubürgern” (so nannte man offiziell die Flüchtlinge, die sich gerade “Im Grund” mit Hilfe von Ernst Jung und Josef Öhl eine “Neue Heimat” bauten).

Und sein Freund Willy Hagen (auch sein Name ist frei erfunden) hatte auch nicht eben begeistert von seinen Erfahrungen bei Dr. Ruffing berichtet. Ihm hatte im vergangenen Herbst plötzlich der Bauch schrecklich weh getan. Es war ihm immer schlechter gegangen, er hatte erbrechen müssen und sich vor Schmerzen gekrümmt. Erst dann sei er zu Dr. Ruffing gegangen. Ins Krankenhaus zu dem damals gerade angetretenen Dr. Hopt hatte er sich nicht getraut, denn er war ja als Handwerker nicht krankenversichert. Dr. Ruffing hatte ihm zuliebe die Blinddarm-Operation schließlich in seinem Gartenhaus durchgeführt, wo er auch sein vom Krieg mitgebrachtes Feld-Röntgengerät stehen hatte.

Hermann hatte es da besser. Er arbeitete in der Goldleistenfabrik Braun und war als Arbeiter bei der AOK Spaichingen versichert. So hatte er sich jetzt ohne finanzielle Sorgen ins Krankenhaus begeben können. Dr. Hopt hatte am 29. Februar auch kurzen Prozeß gemacht und ihn nach wenigen Stunden, nur nach einer Abtastung seines Bauchs und einer Blutbilduntersuchung operiert. Was da drin los sei, so hatte Dr. Hopt vor der Operation gemunkelt, das wisse der Herrgott, er jedenfalls nicht genau, deshalb müsse er den Bauch auch aufmachen. Nachher hatte er berichtet, er habe es doch gleich gewußt, die Gallenblase sei ganz entzündet gewesen, gefüllt mit Steinen, mit der Leber verwachsen und schon fast geplatzt, und den Blinddarm habe er ihm auch gleich noch mit entfernt. Die Op-Schwester Enia von den Franziskanerinnen vom Kloster Reute und die Narkoseschwester Aurea bestätigten später den Bericht von Dr. Hopt. Und während Dr. Hopt immer zu sagen pflegte: “Wenn es gut gegangen ist, dann hat der Herrgott geholfen und nur wenn es schlecht gegangen ist, dann wars der Doktor”, ging bei Herrmann alles gut.

Schrecklich waren die ersten Tage nach der Operation gewesen. Er hatte drei Tage nichts essen dürfen, was ihm am ersten noch ganz leicht gefallen war, da ihm sowieso ununterbrochen kotzübel war. “Das kommt von der Äthernarkose”, hatte seine Stationsschwester, die Ehrwürdige Schwester Metharda, ihm zum Trost mitgeteilt, als sie ihm ein Zäpfchen dagegen in den Hintern steckte. Dann ab dem zweiten Tag aber ging es ihm auch deswegen nicht gut, weil er immer solchen Durst hatte, wenn er zwischen den Schmerzspritzen aus seinem Dämmerschlaf erwachte. Aber von “Infusionen”, dem neumodischen Zeug, hielt Dr. Hopt wohl nicht so viel. Die erste Schleimsuppe schmeckte ihm wie ein Festessen.

Die Tage im Krankenhaus waren eigentlich ganz kurzweilig gewesen. Den Doktor sah er selten, die Visiten waren nur kurz, denn sonst wäre ja die vor dem Zimmer im Blumentopf brennend abgelegte Zigarette ausgegangen. Immer wieder kam auch die Oberärztin Dr. Dateschidze, welche die Leute “Russin” nannten. Sie war Deutsche, stammte aber voneinem weißrussischen Vater ab und rauchte ebenso wie ein Schlot bzw. wie Dr. Hopt. Die lange Zeit den Tag über füllte er mit Handreichungen für die Schwestern, wie dem Aufwickeln von frisch gewaschenen Binden oder dem Zusammenlegen von Tupfern oder Tüchern.

Obwohl er es eigentlich nicht durfte, hatte er sich heute mittag von der Station verdrückt, als die ehrwürdigen Schwestern sich zum Beten und zur Freistunde in ihre Wohnung unter dem Dach zurückzogen. Er war in den Garten gegangen, wo wegen des guten Wetters im Holzschuppen die Tb-Kranken aus der inneren Abteilung in den Liegestühlen ruhten. Mit diesen hatte er sich unterhalten und von dort aus auch den Gärtner beobachten können, der zunächst die vielen Gemüsebeete für die Aussaat und danach das Gewächshaus für die Pflanzungen vorbereitete und schließlich die 40 Hühner und 6 Schweine aus dem Kübel mit den Essensresten fütterte. Am vergangenen Samstag hatte er auch Herrn Dreher beim Schlachten im Hof des Krankenhauses zugesehen. Von der Schlachtplatte am Sonntag durfte er so kurz nach der Operation noch nichts essen, aber auch die Suppe schmeckte ihm schon wieder ganz gut.

Selten sah er den Krankenwagen vorfahren, am Steuer die temperamentvolle Gisela May, die Tochter von Dr. May. Sie brachte neue Patienten, so z.B. nach Unfällen oder auch kürzlich das kleine Mädchen mit der Kinderlähmung, das jetzt im Isolierzimmer der inneren Abteilung unter der Obhut von Belegarzt Dr. Ilg lag.

Heute war er etwas erschöpft, denn er hatte auch schon einen Ausflug in die Stadt hinter sich. Er war als nur noch leicht Kranker – seine Entlassung war auf Ende der Woche festgesetzt – von Frl. Streicher in der Verwaltung gefragt worden, ob er nicht in Vertretung des Krankenhauspedells zur Apotheke Keil gehen könne. Dort hatte er das Buch mit den Wünschen der Ärzte abgegeben und warten müssen, bis die vielen Bestellungen erledigt waren. Es hatte gut in der Apotheke gerochen, nach den vielen Kräutern und Arzneien, und es war interessant gewesen, der frisch in die Lehre in der väterlichen Apotheke gekommenen Lieselotte Keil zuzusehen, wie sie einen riesigen Topf mit Hustensaft ansetzte, Kunden bediente, welche nach “grüner Tropfen für krumme Schweine” und Brunstpulver verlangten. Der Tierarzt Dr. Knaupp war ein guter Kunde der Apotheke und ließ viele Rezepturen für die Bauern anfertigen.  

Hermann half beim Verteilen des Abendessens und nach dem Essen beim Abräumen. Zuhause wäre ihm dies nie eingefallen, aber den Ordensschwestern mit Haaren auf den Zähnen konnte er das nicht abschlagen. Außerdem

konnte er so sich auch einen gewissen Überblick über die anderen Kranken verschaffen und sich zwei Binokelspieler für den Abend organisieren. Dafür hatte er auf seinem Weg in die Stadt einen Umweg gemacht und sich mit Bedacht heimlich drei Flaschen Bier vom “Schlüssel” mitgebracht. 

Im Nachbarzimmer stöhnte eine angehende Mutter. Die in der Stadt zusammen mit Frau Hauff tätige Hebamme Gertrud Brezing hatte sie ins Krankenhaus geholt, weil das Kind nicht richtig lag und eine Zangengeburt nötig werden würde. Dr. May als Geburthelfer war schon informiert, wollte aber warten, bis man ihn rufe.    

Während sich die Spieler am Abend mit Binokel die Zeit vertrieben, wachte Sr. Augustina am anderen Ende des Flures neben einem Sterbenden in der Inneren Abteilung noch bis in die frühen Morgenstunden.

 

 

Medizin 2001: Ein Tag im Krankenhaus

Oder: Aus dem Leben des Hermann Bühler

 

Das war eine Nacht: Schon seit 4.00 Uhr morgens hatte es ihm immer stärker weh getan, bis er schließlich gegen 6.00 Uhr seinen Hausarzt anrief. Dieser war natürlich nicht in der Praxis (Anrufbeantworter), sondern übers Handy erreichbar, hatte aber, als er von Schmerzen im Oberbauch gehört hatte, sofort den Norarzt ausrücken lassen. So landete Hermann um halb sieben auf der Intensivstation, begleitet von drei Sanitätern und einem Notarzt, mit piepsendem EKG-Monitor und Sauerstoffüberwachung. EKG, Blutentnahme, Röntgenaufnahme, und Ultraschalluntersuchung..., bis 9.00 Uhr stand schon fest, daß die Gallenblase operiert ist, ein Herzinfarkt oder eine Lungenembolie ebenso wie eine Lungen- oder Rippenfellentzündung auszuschließen sind und auch eine Bauchspeicheldrüsenentzündung nicht vorliegt. So langsam bekam Hermann Hunger, denn einen Durst hatte die Infusion verhindert. Die nun noch schnell erledigte Magenspiegelung verhinderte, daß er in absehbarer Zeit zu einem Frühstück kam. Doch da auch dabei nichts heraus kam, während sich die Schmerzen so allmählich ebenfalls verflüchtigt hatten, tauchte um die Mittagszeit, nach der Vertreibung der Putzfrau aus Darowa, der Oberarzt bei der Visite mit einem ganzen “Rattenschwanz” von Assistenzarzt, Schwestern, Praktikanten und Zivis auf und verkündete die Entlassung. “Kommen Sie morgen poststationär zur Darmspiegelung, die Vorbereitung erklärt Ihnen die Schwester, die Aufklärung macht der Assistenzarzt. Bis dahin sollten Sie nur noch trinken, nichts mehr essen, der Hausarzt bekommt Bescheid. Waren Sie übrigens mit Ihrem Chipkärtchen schon in der Verwaltung? Wir haben noch gar keine Aufkleber. Wie sollen wir denn da die vielen Formulare für die Krankenkasse ausfüllen? Wie kommen Sie nach Hause? Haben Sie denn niemanden in der Familie, der Sie mit dem Auto abholen kann? Auf Wiedersehen bis morgen! ”

 

 

Medizin 2051: Ein Tag im Krankenhaus

Oder: Fragen des Hermann Bühler jr.

 

Was verstehen Sie überhaupt unter einem Krankenhaus? Ach so, Sie denken an eine spezialisierte medizinische Einrichtung zur Diagnostik (Untersuchung), Therapie (Behandlung) und Pflege bei Krankheiten? Ja, gab es denn so etwas früher einmal? Wie soll denn so etwas heutzutage überhaupt finanziert werden? Wer soll denn das Recht haben, in ein solches Haus zu kommen? Das können sich ja doch wohl dann nur noch ganz wenige äußerst betuchte Leute leisten. Denn die Medizin ist schließlich unbezahlbar geworden. Dazu hat die Bevölkerungsentwicklung beigetragen: Die 60- bis 80jährigen sind die Mehrheit der Bevölkerung geworden. Was heißt denn in einem solchen Alter überhaupt “gesund”? Umgekehrt könnte ich mehr dazu beitragen:

Es gibt gegenüber der Zeit der Jahrhundertwende viele neue Krankheiten. Denn der Defekt der Ozon-Schicht hat zu einer schrecklichen Anfälligkeit für UV-Schäden geführt, es sei denn, im Freien wird ein ständiger Lichtschutz praktiziert. Während um die Jahrhundertwende sich noch niemand etwas unter dem Begriff “Prionen” vorstellen konnte, sind mittlerweile hunderte von Erkrankungen durch diese extrem infektiösen Partikel bekannt. Es erscheint geradezu lachhaft, wie sich damals noch die Ärzte und Wissenschaftler abmühten, bestimmte erkannte, aber nicht zu erklärende Krankheiten zu erforschen. Hätten sie doch auch an die Prionen gedacht! Neue ernährungsbedingte Krankheiten sind dadurch entstanden, daß sich die Leute eines Tages angesichts der Schreckensmeldungen über immer neue Seuchen und Schäden durch die Tierzuchtmethoden und die zunehmende Umweltbelastung nicht mehr trauten, überhaupt noch Naturprodukte zu sich zu nehmen. Die stattdessen genossenen künstliche Produkte waren damals noch so ungeschickt und dilettantisch erzeugt, daß neue Krankheiten durch Fehl- und Mangelernährung bekannt wurden. Krankheiten durch die ständig zunehmenden Magnetfelder und elektrische Felder wegen der grenzenlosen Kommunikation kamen hinzu. Die neuen Bevölkerungskreise aus entfernten Gebieten der Erde, die Zuwanderer wegen der ungünstigen Bevölkerungsstruktur in den Industrienationen, brachten dagegen als ausgestorben angesehene Krankheiten wie Infektionen und Herzinfarkt wieder mit. Doch dank neuer diagnostische und therapeutischer Methoden war das nur ein finanzielles, jedoch kein technisch-medizinisches Problem: Magnetfeld-Diagnostik, Biosonden zur Diagnostik und Therapie, Operationen durch Roboter und ferngesteuerte Mikroapparatekonnten schon längst die althergebrachte Bilderzeugung mit Hilfe von Röntgenstrahlen ablösen und von Menschenhand durchgeführte Operatioen ersetzen. .

Aber der medizinischer Fortschritt ist nicht mehr zu überblicken. Zu rasant ist er geworden, zu groß sind die Ansprüche im Informationszeitalter. Die Therapien werden heutzutage nur noch nach Erkundigung bei Expertensystemen mittels elektronischer Medien festgelegt, der Arzt ist nur noch Anwender von Diagnostik, Expertensystemen und Therapiesystemen, abgesehen von einer Heerschar von Psychiatern und Lebenshelfern, welche auch noch im hohen Alter dazu beitragen helfen, daß Selbständigkeit und Erwerbstätigkeit erhalten wird. Sonst könnten wir uns das Ganze ja gar nicht leisten... Und wozu brauchen wir nun ein Krankenhaus?